Bayerns „Friseur-Engel“

Dankbarkeit ist ihr größter Lohn

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Rund 30 Friseursalons in Bayern schneiden Bedürftigen einmal monatlich kostenlos die Haare. Ein Friseurmeister aus der Nähe von Regensburg leitet die bayerische Regionalgruppe. Seine Kunden bekommen nicht nur einen neuen Haarschnitt, sondern auch ein Stück Würde zurück.

Ein Besuch beim Friseur lässt einen oft wie ein neuer Mensch fühlen. Doch nicht jeder kann es sich leisten, sich regelmäßig die Haare frisieren zu lassen. Dort kommt der Friseurmeister Uwe Pichl aus Neutraubling in der Nähe von Regensburg ins Spiel. Er schneidet Bedürftigen und Wohnungslosen kostenlos die Haare. Der 52-jährige Handwerksmeister ist einer von rund 30 „Barber Angels“, auf Deutsch „Friseur-Engeln“, in Bayern. Die Vereinigung „Barber Angels Brotherhood“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, mit einem neuen Haarschnitt auch ein Stück Würde zurückzugeben.

„Ein Bekannter hat mich vor zwei Jahren auf die Barber Angels aufmerksam gemacht“, sagt Pichl. Anfangs war er wenig begeistert. Seine Freundin habe ihn überredet, sich so eine Haarschneideaktion zumindest einmal anzuschauen. „Danach war ich direkt überzeugt“, erinnert sich er ostbayerische Friseurmeister, der heute als eine Art Vorstand („Zenturio“) die Arbeit im gesamten Freistaat koordiniert. Es gibt noch weiße Flecken auf der Landkarte: „Gerade in München, wo großer Bedarf herrschen würde, haben wir noch keine Mitglieder gefunden“, bedauert er.

Einmal im Monat, an einem Sonntag, öffnen Friseure wie Uwe Pichl ihre Salons für Obdachlose, Geringverdiener und Hartz IV-Empfänger. „Die Gespräche sind ganz anders als die mit den Kunden, die wir sonst haben“, sagt Pichl. „Die Schicksale, die wir erleben, bringen einen schon zum Nachdenken, das kann man nicht einfach ausblenden.“ Besonders schwer sei es, wenn eine Person von Treffen zu Treffen immer weiter abbaue oder von Drogen zerfressen werde.

Die Lebensgeschichten der Bedürftigen hätten ihm gezeigt, wie schnell so ein gesellschaftlicher Abstieg manchmal gehen kann: „Seitdem sehe ich einen Obdachlosen mit anderen Augen“, sagt er. Er wisse inzwischen: Bedürftige hätten oft das Gefühl, nicht mehr wahrgenommen zu werden. Mittlerweile geht Uwe Pichl auf diese Leute zu, unterhält sich, gibt auch mal einen Kaffee aus.

Den „Barber Angels“ geht es nicht nur darum, Bedürftigen neue Frisuren zu zaubern. Sie möchten neuen Mut geben und das Gefühl, nicht ausgegrenzt zu werden. „Viele sind unglaublich dankbar dafür, dass jemand ein normales Gespräch mit ihnen führt und sich für sie interessiert.“ Am Anfang seien viele zurückhaltend, manche haben Respekt vor der Lederkutte. Die „Angel Uniform“, wie sie ihre Arbeitskleidung nennen, soll keine Zugehörigkeit zu einer Rockerbande symbolisieren. „Wir wollen nicht in teurer Kleidung aufmarschieren, sondern zeigen, dass wir alle gleich sind, und eine erste Hemmschwelle damit überwinden“, sagt der Friseur aus Neutraubling.

Haben bedürftige Menschen nicht andere Dinge viel nötiger als einen Haarschnitt? Uwe Pichl weiß inzwischen, dass die Frisur für Bedürftige viel mehr ist: „Ich höre immer wieder, dass diese Menschen darüber wieder ein Teil der Gesellschaft werden, weil oft der erste Eindruck zählt“, sagt er. Für manche sei das sogar ein Ansporn, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

Die Barber Angels gibt es seit November 2016. Mehr als 400 Haarschneideaktionen organisierten sie seither. „Wir können der Gesellschaft mit unserem Handwerk etwas zurückgeben“, beschreibt Pichl seine Motivation. Er selbst nimmt zu den Aktionen immer wieder Mitarbeiter und Azubis mit und hofft, dass diese auf den Zug aufspringen.

In seinem Salon in Neutraubling reagieren die Kunden fast immer positiv, wenn sie vom Engagement des Friseurs erfahren. Das und das Gefühl, den Menschen etwas Gutes zu tun, treiben ihn an. Seither lerne er sein Handwerk noch einmal neu kennen und lieben. Das spürt auch seine Kundschaft. Friseure, die bei den Barber Angels mitmachen, finden alle Informationen auf der Website der Vereinigung unter b-a-b.club


Quelle: obx; Foto: obx-news/Die Flotografen

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