Neusiedler See: Ein Paradies nicht nur für Birdwatcher

Wussten Sie, dass James Bond ein Vogelbeobachter war? Gemeint ist hier nicht 007 mit der Lizenz zum Töten, sondern der amerikanischer Ornithologe, dessen Buch „Birds of the West Indies“ bis heute als ein bedeutendes Werk in der Fachwelt der Vogelkundler gilt.

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Er war nämlich Namensgeber des wohl berühmtesten Geheimagenten der Welt. Denn auch Ian Fleming, der Autor der Bond-Romane, beobachtete in seiner Freizeit gerne Vögel und kannte das Buch. Ihm gefiel „dieser kurze, unromantische, angelsächsische und vor allem maskuline Name“ und so wurde „ein zweiter James Bond geboren“. Übrigens soll der Ornithologe Bond alle Vögel, die er studierte, mindestens einmal auch verspeist haben… und wenn Sie jetzt denken, dieses pikante Detail wäre das einzig spannende an dem ausgefallenen Hobby, muss ich widersprechen. Denn wer bei Sonnenaufgang die phantastische Landschaft am Neusiedler See erlebt hat – dem westlichsten Steppensee Europas – den verwundert es nicht, dass alljährlich zahlreiche Naturbegeisterte hierherkommen um die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt zu bestaunen. Zwischen Alpen und Puszta ist das Seegebiet ein einmaliger Naturraum. Pflanzen- und Tierarten aus alpinen, pannonischen, asiatischen, mediterranen und nordischen Gebieten treffen hier aufeinander.

Ein Mosaik an Lebensräumen

Die Vielfalt der Lebensräume ist Grund für diesen einmaligen Artenreichtum. Wie in einem Mosaik liegen verschiedene Feuchtgebiete, Wiesen, Hutweiden, Trockenrasen, Sandsteppen und Salzstandorte nebeneinander. Der langgestreckte See hat gerade einmal eine Wassertiefe von etwas mehr als einen Meter. Niederschlag und Verdunstung bestimmen die Wasserstände und der Wechsel von Austrocknungen und Hochwasser ist extrem. Im Sommer trocknen die Lacken aus, Sodasalze gelangen mit dem Grundwasser an die Oberfläche und bilden den „Sodaschnee“, eine typische Salzkruste.

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Unterwegs mit dem Pferdefuhrwerk wie anno dazumal
Exotische Steppenlandschaft

Die Weite der Landschaft ist beeindruckend. Der See erscheint endlos. Ein dichter, bis zu 7 Kilometer breiter Schilfgürtel bietet den idealen Lebensraum für unzählige Vogelarten. Säbelschnäbler, Stelzenläufer, Rotschenkel oder Seeregenpfeifer – Namen so exotisch wie die Landschaft. Salz, Wasser und Wind sind die prägenden Faktoren. Der Geruch hier mitten im europäischen Binnenland erinnert an die Meeresküste. „Hier schaut man in die Landschaft und sieht vermeintlich gar nichts.“ so Alois Lang, Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Ökotourismus. Erst bei genauerem Hinsehen und unter Anleitung des Experten entdeckt man die vielen unterschiedlichen Arten.

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War früher Unterstand für die Hirten auf der Hutweide
Zwischenstopp auf dem Weg nach Afrika

Den grossen Brachvogel erkennt man an seinem flirrenden Pfeifen. Der Ruf der Rohrdommel klingt, als ob man in eine leere Bierflasche bläst. Irgendwo trällert die Feldlerche. Der Säbelschnäbler
mit seinem schwarzweißen Gefieder und dem auffällig nach oben gebogenen Schnabel tastet mit der ihm typischen Mähbewegung das Flachwasser der Lacken ab. Von den 400 Vogelarten in Österreich bevölkern rund 350 den Steppen-Nationalpark. Mehr als die Hälfte aller europäischen Vogelarten können hier beobachtet werden. Im Frühling wird gebalzt und gebrütet. Im August starten die ersten Zugvögel Richtung Süden. Bis in den Herbst können die Vögel beim Zug beobachtet werden. Dank dem pannonischen Klima hat es hier im Oktober oft noch bis 20 Grad. Hier rasten, fressen oder brüten tausende Zugvögel auf ihrer Reise in den Süden. „Wir hatten sogar schon einmal verirrte Flamingos und Pelikane hier. Immer öfter ziehen auch Kranichtrupps durch das Gebiet.“ sagt Alois Gangl – Naturliebhaber, Weinbauer und einer von acht Gebietsbetreuern im Nationalpark.

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Zwischen Alpen und Puszta ist das Seegebiet ein einmaliger Naturraum
Weiße Esel, Wildpferde und Steppenrinder

Während man in manchen Nationalparks jede Form von menschlicher Nutzung fernhält, würden hier ohne gezielt eingesetzte Pflegemassnahmen die Steppenrasen zuwachsen. Daher werden Teilgebiete mit alten Haustierrassen beweidet. Ungarische Steppenrinder, Mangalitza-Schweine, Przewalski-Wildpferde und die seltenen Weißen Esel kann man hier entdecken. Von den weltweit 200 Weißen Eseln grasen im Nationalpark Neusiedler See 24 Tiere auf den verbliebenen Hutweiden.

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Die seltenen Weißen Esel mit den blauen Augen
Wege zum Naturerlebnis

Als Besucher sollte man genügend Zeit mitbringen. Die kürzeste geführte Wanderung durch ein Teilgebiet dauert nämlich drei Stunden. Die offene, flache Landschaft lässt sich aber auch leicht mit dem Fahrrad erkunden. Ein dichtes Wegenetz für Radfahrer bietet ideale Voraussetzungen um die herrliche Gegend zu geniessen. Das Betreten der Nationalparkflächen ist generell verboten, aber überall findet man Beobachtungsplätze oder Aussichtstürme. Ungestört kann man hier mit dem Fernglas in aller Ruhe stundenlang das Treiben der Tiere beobachten. Mit nach Hause nehmen kann man die einzigartigen Foto-Motive der weiten Schönheit am Neusiedler See.

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Das kleine Knabenkraut ist hier der häufigste Vertreter der Orchideen
Rund um den Nationalpark

Wer nach einer ausgiebigen Exkursion hungrig geworden ist, findet in den sieben Nationalparkgemeinden zahlreiche Gasthäuser, Weinkeller und Heurige um sich mit regionalen Schmankerln zu verwöhnen. Und wer es dem Ornithologen Bond gleichmachen will, kann sich das Mangalitza-Schwein im Illmitzer Gowerl-Haus als Spezialität servieren lassen. Für den Tierfreund gibt es leckere Ziegenkäse-Bällchen.

Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel
  • Burgenland-Ungarn übergreifender Nationalpark
  • Im nördlichen Burgenland, gegründet 1993
  • 9.674 Hektar (österreichischer Anteil)
  • 43% Schilf, 29% Wiesen, 27% See und Lacken
  • 2001 zum UNESCO- Weltkulturerbe erklärt
  • Etwa 350 Vogelarten,
  • mehr als 400 Blütenpflanzenarten
  • mehr als 30 Fischarten

www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at

Text & Fotos: Sylvia Schmidt

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Vogelbeobachtung bei Sonnenaufgang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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